FÜHLLAND

01/07/2010

Wir wollten wissen wo es ist und jagten alles was uns in die Quere kam. Wo war Fühlland? Und wie würde es aussehen? Als wir an den Ufern standen, kam es uns flüchtig vor und als wir den Berggipfel mühsam erreichten, war Fühlland ein Tal und wir sahen es vor uns ausliegen.

Felix vom Polarkreis las einen meiner Versuche, Fühlland auf Papier zu bringen. Als wir hinhörten, dachten wir schon, wir müssten hinsehen. Fühlland musste also zwangsläufig kein schöner Ort sein. Das Schöne am Paradies ist doch, dass wir es nur fühlen können, wenn wir es verlassen. So gingen wir also. Und wer nicht dabei war, für den gibt es hier die Highlights aus

FÜHLLAND

VON MARC OLIVER RÜHLE

Auffallender Schnee. Nichts als auffälliger Schnee.



Wir fokussieren einen beliebigen, sanierten Wohnblock. Krähenschwärme besprenkeln derweil dessen schneeweißes Dach mit schwarzen Gefiedern.

Die Rahmen um das Fensterglas sind grau und fleckig und auf den unbepflanzten Blumenkästen davor staut sich eine handbreit Schnee.

Der Schneefall draußen ist so dicht und verschleiernd. Als das Publikum dieses Mannes können wir uns alles vorstellen.

Während er die Servietten faltet, beobachtet er die Spatzenschwärme im schwächelnden Schneetreiben am gegenüberliegenden Fenstersims.

Ein dünner Schneefilm ist übernacht an der Fassade heraufgeweht und von den wenigen Sonnenstrahlen vereist worden.

Auf den anderen beiden Tellern liegt seichter Schnee. Auf dem klaren Porzellan kann man es fast nicht erkennen.

Die Winterwiese im Hof ist vom karstigen Schnee gestaucht.

Eine Träne? Ein Luftzug? Schnee? Wir wissen es noch nicht.

Er trocknet sich die Wangen, er hatte Schnee abbekommen von einer Wehe. Der Stadtwind kommt immer über die Dächer.

Er ist gespannt, seit mehreren Tagen war er nicht im Hausflur. So weit wird der Schnee schon nicht vordringen.

Beim Schnüren der Schuhe fällt ein Polaroid von den zwei noch übrigen klirrend auf das Laminat. Der glasige Umhang aus vereistem Schnee zerbricht.

Plötzlich zeichnet sich Schnee ab auf dem Meermotiv in seinen Händen, ebendann als er den Hintergrund der Aufnahme mit dem Zeigefinger überstreicht, pappen die Kristalle an seiner Fingerkuppe zusammen und bleiben haften. Ihm war kurz, als sei eine kleine Strähne unter den Kristallen.

Mit einem Aufschlagen aller ausgestreckten Finger aufeinander zerstäubt der Polaroidschnee zwischen den Orten.

Heute ist Sonntag und die Kirchturmspitzen über den Schneekronen schneiden den Glockenwind.

Lebensläufe sind Liebesverläufe.

Heute ist ein weiterer Tag, ein aufgerissenes Fenster, ein Fühlland draußen, deckungsgleich mit einer beliebigen Landschaft. Eine Frage des Winters.

Seine Zunge schwer vom Schnee.

Er macht es ganz laut bis niemand von ihm hört.

Auf der Straße parken Familienwagen aus fremden Städten. Grauer Mischschnee, vom Asphalt verschmutzt, klemmt an den Radkappen.

Schnee ist brutal, sagt er. Er verwischt und verschmiert, er erstickt und verschluckt. Er verliert. Irgendwann ist er abgelaufen. Der Schnee; ist abgelaufen.

Das Motorengeräusch ist von der Winterlandschaft abgeschwächt, fast erlegt.

Der schwere Mercedes findet sich chronologisch zurecht, nach einer Kette von Abbiegungen und Kreuzungen, Blinklichterrhythmen und Funkwellen steigt er in den minutenalten Schnee zurück.

In dieser Äußerung versunken, bedeckt seine trockene Kopfhaut nasser Schnee vor der Tür.

Er stellt sich den Schnee vor, wie er auf dem Neopren zerplatzen würde, stünde sie ihm auf Augenhöhe vor ihrem Fenster gegenüber.

Hinter seinem Rücken weidet unauffällig der Schnee.

Im Mantel unter der Decke, verschwunden in den Federn und als wir uns erlauben, das kleine Nachttischlämpchen anzuknipsen, fällt uns auf, dass von der Zimmerdecke Schnee tropft und sich wie Wachs auf den Schlafenden gießt.

Traumgefüllt liegt er eingeschneit und weich in seinem Schlafzimmer. Er wird heimgesucht und abgetastet, umgeschichtet, aufgehorcht. Wie ein Novemberboden vom vorfrühen Schnee: ebenso klamm und angestaut seine Kristalle;

Ein Raum aus Illusion und Einbildung, ein Ort für Gefährten, die das Ungreifbare akzeptieren, teilen. Den namenlosen Schnee über uns.

Nasser Schnee auf den Armaturen, nasser Schnee in der Badewanne.

Er friert, atmet schwer in der Schneeluft.

Er findet den Mut es anzuerkennen und führt seine Lippen zu einem Selbstgespräch in den Schneehügel seines Bads. Knöchelhoch der Schnee.

Die Kristalle zerplatzen unter dem Druck. Er fühlt sich das erste Mal nicht durch sie gespiegelt.

Fühlland breitet das Tauwasser zum Badesee aus. An den Rändern des Abflusses wachsen junge Schilftriebe in den Duschvorhang.

Die Eisdecke auf dem Aquarium splittert. Als wir in seiner Phantasie versinken wie in einem Schneetreiben.

Die Stadt verklebt mit Schneearten. Der Schnee. Und man nistet sich ein. Außerhalb der Schönheiten. Und man vergisst so viel.

Lebendige Abschiede verlassen den Bahnhof in alle Richtungen. Er sitzt am Fenster. Den Kopf abgestützt. Er sieht uns an. Wir schauen beschämt zu Boden. Wir sind leider keine Engel.

Jedes geöffnete Fenster bringt mich Dir ein Stück näher. Ich falle Dir zu wie auffallender Schnee.

Auf seinem Mantel drückt Schnee Kälte ins Futter. Er sieht seinen Atem. Ein Hauch. Ein dumpfer Klang. Ein kleiner Hall, ein Echo in der leeren Wohnung. Das Fest der Liebe. Leise rieselt der Schnee und bedeckt die verharmloste Stadt mit einem Seidentuch.

Er nimmt sie in seinen Armen zu sich und verschließt sie fest. Er sieht seinem Atem zu. Der neblige Hauch des Ausatmens streichelt den Schnee.

Wir gehen jetzt. Gehen nach Hause, nehmen ihn mit, nehmen seinen Mantel, den ungeöffneten Brief, die Polaroids, seine Art und seinen Schmerz mit uns. Und auch die Schneeblindheit.

Jetzt wissen wir endlich, dass wir nur Glück hatten, nicht unser eigenes Publikum zu sein.

Die Wurzeln dringen durch den Parkettboden unserer Wohnzimmer und züngeln ins Grundwasser vor. Im Erdreich ist es sicher vor Schnee.

Vor unseren Fenstern liegt Fühlland zum Greifen nahe im Schnee und wir riechen und spüren wie es in uns zieht, in jede unumgängliche Faser.

Die Ausbreitung der Körper zu Landstrichen. Die ganze Zeit warteten wir. Im Kleinen fällt dann der Schnee und weidet vor sich hin. Wir sind beruhigt.

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