Die stille Nacht der Tiere

12/22/2010

MARC OLIVER RÜHLE

Die stille Nacht der Tiere

Von der kahlen Hallendecke hängt ein großer blinkender Plastikengel. Er wacht über die chemisch grelle Einkaufscenterbeleuchtung. Diese hypnotisiert Elias Kinderaugen und das Stadtmenschengedränge ruckelt an ihm. Der Vater hält seinen taumelnden Sohn fest an der Hand, damit sie nicht auseinander gerissen werden.

Auf der Höhe der Einkaufstüten bekommt Elias jedoch kaum mehr Luft und seine Augenlider klappen zu.

Sein Vater trägt Elias zum Ausgang und murmelt zu ihm leise Sätze. Er kennt diesen Kindheitstraum und dringt als Erzählerstimme in Elias Bilder ein, die ihm nun eine unentdeckte Wirklichkeit zeigen.

Die Fahrzeuge auf der Landstraße am Waldrand ziehen bereits Fernlichtlinien durch den schwebenden und aufgewirbelten Schnee. Wenige Wagen bewegen sich in dieser Stunde zur Stadt zu. Die monotone Melodie der Motoren schluckt der Schneebelag. Dazwischen springen jetzt mehrere Rehe von den Feldern kommend über die Reifenspuren zurück in das Waldesinnere. Eine Mannschaft von Spitzmäusen und Goldhamstern hatte tausende Glühwürmchen zwischen den alten Halmen und Kornhülsen aufgelesen.

Die Rehe wurden mit Laubschatullen beladen, in denen sie nun die kostbaren Leuchtkörper weich gebettet überführen. Die scheuen Wesen werden jetzt von einer Euleneinheit beim Eintritt in den Wald gesichtet.

Sofort schlagen sie an. Es ist das Signal, auf das alle schon sehnsüchtig warteten und jeder versuchte vor der Ankunft der Rehe so still wie möglich auf und unter den geweißten Ästen und Zweigen zu verharren. Auf den Ruf der Eulen hin starten schleunigst die Blaumeisenboten in emsigem Flügelflattern durch den Waldhimmel um die Waldesmitte auf das baldige Eintreffen der Rehe vorzubereiten. Bis in diese Tiefe des Waldes sind es vielleicht fünfzehn Meisenflugminuten. Dort hinter all dem Dickicht sind die Heimlichkeiten bereits nicht mehr zu verbergen und alle Waldbewohner gehen ihren Aufgaben nach. Der Wind hat die Lichtung um die große waldesmittige Tanne dekorativ verweht. Auf diesem Festtagstuch versorgen die eifrigen Eichhörnchen die Kernbeißer mit gesammelten Nüssen, Kastanien, Eicheln und Bucheckern. Hier werden sie von ihnen zerbissen und zerkleinert und auf die Stacheln der vielen Igel gespießt, die extra für dieses Fest ihren Winterschlaf unterbrochen haben. Sie stemmen und bewegen die Delikatessen nun durch die sich vergrößernde Horde an ungeduldigen Waldbewohnern hindurch.

Besonders die Bachen erfreuen sich daran, die dicht aneinander gedrängt auf dem eisigen Waldboden Platz genommen haben, um das Moos aufzutauen.

Währenddessen ihre Wildschweinmänner das Eis der Teiche brechen. Die Eber zertrampeln die Eisdecke, damit kleinere Tiere aus den Brocken und Splittern Kugeln formen können. Diese werden von den vielen Waldvögeln in Etappen auf die Zweige der großen waldesmittigen Tanne geflogen. Sie fliegen in Staffeln. Der erfahrene Buntspecht hatte den ganzen Sommer über neue Halterungen installiert und mit Hilfe der Hirschkäfer kleine Tupfer Rindenharzkleber auf die Zweigspitzen aufgetragen. Von dort reflektieren die Kugeln das schwache Mondlicht. Diese Positionslichter helfen den Rehen diese Mitte zu finden. Sie werden von den stammesältesten Füchsen begrüßt und ihre strapazierten Hufen mit warmem Moos eingepackt. Derweil verlieren die Hasen keine Zeit, die Glühwürmchen sorgfältig auszupacken und sie auf die Tragflächen der Waldvögel zu platzieren. Sie werden in großen Schwärmen zu den Eiskugeln auf den Tannenspitzen geflogen und in die kleinen durchsichtigen Iglus eingelassen.

Nach und nach beginnen die Enden der Käferkörper darin zu glimmen an und alle Tiere bilden um die sich entzündende waldesmittige stolze Tanne einen großen Kreis. Tausende zarte Lichter keimen auf und lassen die Kugeln warm aufleuchten.

Ein festlicher Strahl erhellt die Tiergesichter, weitet sich in die Dunkelheit aus und lässt die Tanne silbern aus der Waldesmitte in die stille Nacht scheinen. In diesem Augenblick, als die Tanne einem stillen Feuerwerk gleicht und die Glühwürmchen vor Glück voll erglühen, erwacht Elias. Er sitzt im Auto seines Vaters auf dem Weg nach Hause. Elias sieht in die Finsternis. In der Fensterscheibe spiegelt sich das Funkeln in seinen Pupillen.

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