Das Paradies ist ein Märchen

10/15/2012

HZ:

 

>Ich warte jetzt seit zwei Jahren auf meine Zähne<

 

UZ:

 

Die Vertreibung aus dem Paradies ist eine Geschichte vom Entzug

 

         Berlin – Die Stadt ist voll von Apfelbäumen. Manche blühen noch, andere reifen vor sich hin und werden schöne saftige Früchte tragen. Sie glänzen dann knallrot am Tag und leuchten hell in der Nacht. Eine märchenhafte Vorstellung. Ein Symbolbild für die Versuchung. Wie war das doch gleich mit dem Apfel?

Eine Schlange überredet Eva, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Laut biblischer Schöpfungsgeschichte wohl eine Feige, aufgrund eines Übersetzungsfehlers wohl ein Apfel. (Lateinisch liegen die Worte „Übel“ und „Apfel“ verwechselnd ähnlich beieinander.) Jedenfalls eine Frucht. Ob der Erfahrung, die wir selbst mit unserem Leben tagtäglich machen, eine selbstverständlich menschliche Geste, Neues und Unbekanntes auszuprobieren. Verbot und Neugier, Licht und Geheimnis. Geben wir zu – diese Anziehungskraft löst Spannung aus, der wir oftmals ausgeliefert sind. Die Bildschirme an den Metalldecken der Waggons haben mich dabei während der Fahrtzeit von vier Stationen auf den neuesten Stand gebracht. Ausstieg links. Auf den ersten Blick denke ich, diese Person dort, wie solle die noch in einen knackigen Apfel beißen können?

„Hast Du vielleicht etwas Kleingeld, oder eine Zigarette? Glaub‘ nicht, dass ich trinke oder drogensüchtig bin“, ruft es durch den blaugestreiften, giftgelben Ausgangstunnel der U-Bahnstation, Hermannplatz, Schnittstelle U7 und U8. Geld, Glaube, Sucht hallen durch den gefliesten Bereich. Zusätzlich zum Geräuschpegel von Stöckelschuhabsätzen und bremsenden Rädern. Begriffe, nach denen ich im Grunde Ausschau halten wollte. Und ich bin auch gemeint, drehe mich um. Linkerhand lächelt mich dieser Mann an. Dieser Mann ohne Apfel, ohne klare Alterserkennung, denke ich. Beschämt von meinen Gedanken krame ich nach Münzen.

Sebastian Klose (29) hat noch einen Schneide- und einige, aber wenige Backenzähne. „Eine lange Geschichte“, sagt er. „Von der Realitätsflucht und der Todessehnsucht, aber jetzt bin ich sauber und das seit nun schon sieben Jahren, ich trinke nicht mal mehr.“ Sebastian, ein großer, dunkelblonder Junge aus dem Saarland, kam mit 16 Jahren mit Heroin in Kontakt und war sechs Jahre vom regelmäßigen Konsum abhängig. „Das Gift hat mir alles genommen, meine Psyche, meine Träume, meine Gefühle, meine Schulbildung und meine Zähne“, erklärt er.

Unvorstellbare 4 Wochen dauerte der Entzug. „Du stirbst im Grunde – doch der Tod tritt nicht ein. Jetzt  nehme ich jeden Tag Methadon und habe für 24 Stunden Ruhe.“ Jeden Tag hängt Sebastian seinen persönlichen Apfel zurück an den Baum. Klebt sie nacheinander mit letzter Lebenskraft an. Eine Ärztekommission hat beschlossen, dass er substituiert wird. Das bedeutet, dass Sebastian einen Ausweis besitzt, mit dem er sich jeden Tag seine Methadon-Tablette beim Arzt abholen darf. Diese kleine Pille ist sein Ticket. Seine Berechtigung, beschwerdefrei am Leben teilzunehmen. Am Leben? Leben heißt jetzt: Sozialwohnung, Drogenersatz, Betteln, auf neue Zähne warten. „Seit zwei Jahren warte ich jetzt auf meine Zähne, sie haben mir neue versprochen. Wie soll ich so eine Arbeit finden?“, fragt er. Liebend gern würde er was mit Computern machen.

         In seiner Freizeit spielt Sebastian Xbox. Freizeit heißt, nicht zu betteln. „Ich spiele online gegen andere Spieler, ich kann mit denen chatten und mich so austauschen. Das Schöne ist, man sieht sich nicht, das ist für mich wie im Paradies.“

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